prelude: me
Die Geschichte, warum ich mich überhaupt mit dem Kram beschäftige, der hier dokumentiert ist, ist schnell erzählt. Ich war 12, ging gern zur Schule und war unschuldig (das heißt dumm!) wie ein Lamm. Das kam nicht sonderlich an. Man tat insofern was man tun musste und steckte mich in Mülltonnen, nahm mir mein Geld weg und gab mir kräftig auf die Fresse. Das war für mich nicht ganz so schön, weshalb ich viel heulte und unglücklich wurde. Zu dieser Zeit wurde mir einiges klar. Ich fing an, Menschen zu hassen und meine christliche, moralische Erziehung abstrakt zu negieren. Auf der Suche nach einem neuen Lebensstil begegnete ich Punk, den ich ganz gut, zum großen Teil aber zu prollig fand, und ich begegnete The Cure, die mir ziemlich gut in den Kram passten. So wurde ich von einer Jahreszeit zur nächsten Grufti, erstaunlicherweise im Sommer. Dass das der richtige Weg war, bestätigte sich so ziemlich überall. Ich durfte Streber bleiben und trotzdem wollte mich niemand mehr hauen. Im Gegenteil stellte ich fest, dass Menschen sogar ein bisschen Angst vor mir bekamen, sobald ich meinen neu erlernten Charakter etwas sicherer spielte. Das war ein sehr schönes Gefühl. Ich blieb also dabei.
Das erklärt zwar jetzt vielleicht, warum ich mich für Gruftimusik interessierte, aber wohl noch nicht, warum ich auch welche machte, und besonders, warum ich die machte, die ich machte und nicht irgend einen Abklatsch von The Cure. Auch hier fällt aber die Erklärung relativ kurz aus, wenn man sie auf das Wesentliche zusammen rafft. Im Grunde hat sie viel mit den Mülltonnen zu tun. Ich wollte damals zwar nicht geschlagen werden, mich aber auch nicht einfach anpassen. Ich wollte etwas ganz Besonderes sein, jemand, der die Welt gestaltet (beherrscht?) und nicht ihr nachläuft. Deshalb wurde ich auch kein Freund der Schläger, sondern ein geachteter Feind. Das Problem war aber, dass das Problem sich in der Gruftiszene reproduzierte. Entweder konnte ich dadurch ankommen, dass ich den Großen hinterher lief, oder dadurch, dass ich irgendetwas besser, cooler und aufregender machte als sie. Das mit der Aufregung fiel mir natürlich sehr schwer, weil ich als Strebertyp nichts für Drogen und Gesetzesbrüche übrig hatte. Es blieb die Musik. Schnell stellte ich fest, dass eigentlich auch in der Gruftiszene alle ziemlichen Einheitsbrei hörten. Die Chance bestand also darin, zum Einen einen differenzierteren Geschmack zu entwerfen und zum anderen selbst differenziertere Musik aufzunehmen. Wer ist schließlich cooler als ein Musiker und wer mehr Individuum.
So entstanden dann meine ersten Aufnahmen unter so bahnbrechend individuellen Namen wie Die Apokalypse (hat nichts mit der Band zu tun, die es in echt gibt). Der Vollständigkeit halber hier einmal alle Namen, an die ich mich erinnern kann: Mindmasters, Psionic Artwork, DEA (sollte an DAF und die Tankstelle angelehnt sein und hieß ausgeschrieben: Deutsche Erstauflage - iih!), New Church und es gab bestimmt noch mehr. Die ersten Stücke waren nur in Basic geschriebene Soundpattern auf meinem Atari ST, aufgenommen mit dem integrierten Mikro meines Ghettoblasters. Viele haben damals wohl meinen Gesang etwas belächelt (ich war 14), aber ansonsten denke ich heute, dass die Stücke nicht das Schlechteste waren, was ich je so aufgenommen habe. Immerhin ziemlich trashig. Mein persönlicher Favorit war und ist der Song "Der Tod", der dann noch mehrmals von anderen Projekten an denen ich beteiligt war (Religious Vision, kei;m) gecovert wurde. Die Wende, die dazu führte, dass ich dann auch wirklich mal Stücke veröffentlichte, trat aber erst dadurch ein, dass ich Stefan Roigk kennen lernte.
overture: stefan and me
Die Umstände, unter denen ich Stefan kennen lernte, waren allerdings einigermaßen merkwürdig. Schon einige Zeit hatten mir Freunde immer wieder erzählt gehabt, dass es im Nachbarkaff Bückeburg einen Typen geben soll, der einen ähnlichen Musikgeschmack hat wie ich, der auch selbst Musik macht wie ich, und der außerdem total nett sei. Dann kam irgendwann der Abend, an dem eine Bekannte aus Bückeburg uns alle in einem Pferdetransporter (sic!) nach Herford ins Seven Inch karrte. In eben diesem Pferdetransporter saß dann auch Stefan. Und der war sooo komisch. Das war gar kein richtiger Gruftie, hatte zwar schwarze Klamotten an, aber war nicht geschminckt und hatte weder schwarze noch rote noch wasserstoffblonde, sondern straßenköternaturfarbene Haare, die weder zu einem Teller oder Turm geformt, noch toupiert, noch überhaupt an den Seiten abrasiert waren (oder doch? egal). Und mit dem Pseudo sollte ich mich verstehen? No way. Da hätte ich ja gleich Freundschaft mit meinen Mitschülern schließen können. Nun, so ein Pferdetransport kann sich hinziehen und so blieb es doch nicht aus, dass ich mich auch mit Mister Möchtegern unterhielt. Und naja, irgendwie stimmte es, was die Leute so behauptet hatten. Der hatte tatsächlich einen gutem (= meinem ähnlichen) Musikgeschmack, der zudem überaus differenziert und kenntnisreich war. Er machte tatsächlich Musik und hatte gute (= meinen ähnliche) Vorstellungen, was für Musik das sein sollte, wenn die Band, die er hatte, auch den peinlichen Namen Religious Vision trug. (Ist dem das nicht peinlich, unter einem solchen Namen Musik zu machen? fragte ich mich noch kurz bevor ich bei RV mitmachte.) Und, ja, er war tatsächlich sehr nett, was ich mir allerdings nicht so schnell eingestehen wollte, weil ich ja von Haus aus ein sehr misstrauischer und menschenfeindlicher Mensch war. Nichts destotrotz war die Diskussion über die neueste Skinny Puppy-Platte, die sonst noch niemand kannte zu den Zeitpunkt, äußerst kurzweilig. Mehr weiß ich von dem Abend allerdings nicht mehr. Ich vermute mal, ich war zu der Zeit dem Wodka sehr zugeneigt.
Jedenfalls kam dann alles ziemlich schnell. Auf einer Party lernte ich auch Christian, den Sänger von Religious Vision, kennen und die beiden luden mich ein, für ein paar Stücke Keyboard zu spielen. Daraus wurde dann eine dauernde Zusammenarbeit und so hatte ich dann das erste Mal eine richtige Band, die veröffentlichte, und sogar in der Gothic Szene Ostwestfalens, Südwestniedersachsens und Bremens ein bisschen bekannt war. Gut für mich, der nie so das Organisations-Ass war, dass die beiden die Promotion machten.
Das Ding war aber, dass unsere Zusammenarbeit sich nicht auf das Musikmachen mit Stilvorgabe beschränkte. Wie ich auch war Stefan immer auf der Suche nach dem ganz Besonderen, nach Ausdruck, der irgenwie besser, konsequenter, vielleicht auch kompromissloser und härter (vielleicht auch einfach mehr real) war als das, was man sonst so von deutschen Gothicbands zu hören bekam. Wir suchten nach Möglichkeiten in der Musik, in der Bildenden Kunst, in Cyberpunk-Comics und -Büchern, nach politischen Statements und vielleicht, dass muss man wohl zugeben, nach der cooleren Weltanschauung. Weil wir aber zwei waren und beide ziemlich kritisch, konnte das zum Glück nicht klappen, und wenn der eine gerade gedacht hatte, mal den rechten Coolness-Faktor gefunden zu haben, war es dem anderen ganz schnell nicht mehr das Wahre, so dass wir zum Glück irgendwie gegen unseren Wunsch von Weltanschauungen verschont blieben -- was jetzt wiederum nicht heißt, dass wir nicht politisch waren oder sowas. Wir wissen schon, was wir wollen, was auf der Welt so demnächst zu passieren hat ...
Und dieses Ganze Rumhängen, diskutieren, nie zufrieden sein, etc. hatte dann Auswirkungen, die wir uns niemals auch nur im Traum vorgestellt hätten. Zuerst fanden wir nur das ganze mystische und kitschig süßliche Zeug in der Gruftieszene albern (das mit dem Kitsch war glaub ich mehr Stefans Ding, da stand ich heimlich immer noch drauf) und setzten dagegen auf das Darstellen der Brutalität der Realität und auf ein ganz weltliches gefühlsrevolutionäres Dagegensein, was zugegeben nicht ganz ohne Macho-Allüren abging. Aber auch das wurde dann zum Glück schnell zu plakativ, so dass wir uns immer weiter in wenig rhythmusbetonte Klangexperimente vertieften und dann schließlich sogar den Bezug zur Gothic-(oder Industrial-)Szene überhaupt aufgaben. (Habe ich schon erwähnt, dass ich ich irgendwann auch keine Türme oder Teller mehr trug, die Haare nicht mehr toupierte und mir die Seiten nicht mehr rasierte, kurz genauso ungruftig wurde wie Stefan???) Stefan wurde ausgebildeter Künstler und ich studierte Philosophie und beschäftigte mich mit Adornos Ästhetik, was manchmal fast soweit ging, dass der eine oder andere von uns mit dem jeweils anderen nichts mehr glaubte anfangen zu können, weil ich dachte, Stefan hätte einen zu wenig philosophisch reflektierten Zugang zu Musik und Stefan dachte, ich würde nicht den professionellen Ernst mitbringen, der eben auch einmal erfordere, dass man für Resultate arbeitet und nicht einfach hofft, dass sie einem irgendwie zufliegen. Zum Glück war meine Phase, in der ich mich als Philosoph und deshalb eh schlauer als der Rest empfand, irgendwann vorbei und zum Glück konnte Stefan irgendwann einsehen, dass Musik in meinem Leben nicht die Rolle eines Berufs spielen kann, und zum Glück konnten wir über unsere ästhetischen Vorstellungen weiterdiskutieren und sie so auch weiterentwickeln, sogar gegen Adorno, wie der aufmerksame Besucher dieser Seite sicherlich wird feststellen können.
Nach wie vor jedenfalls bleibt kei;m kei;m und man darf gespannt sein, was als nächstes kommt.
