ratiophorm.net

selected works

[a skull]

Crematron (1993-96)

Irgendwann war der Name Religious Vision uns dann doch allen zu albern geworden und er passte nicht mehr zu der Musik, die wir machen wollten. Die sollte nämlich kälter und härter sein als zuvor. Nicht so viel traurige Liebeslieder, sondern ein brutaler Kommentar zu einer brutalen Welt - jedenfalls das, was wir damals für brutal hielten, also Machomusik und Schweiß und Stahl, Krieg und wie das im Industrial der dritten Generation halt so war: Auschwitz. So kam es zu dem Namen Crematron.

Das hört sich jetzt wahrscheinlich total blöd an und man fragt sich, ob wir damals Nazis waren, aber man darf nicht vergessen, dass das alles relativ konsequent war und gute Gründe hatte. Gerade das mit der Härte. Wir hatten vorher für unseren damaligen Stand oft relativ interessante Geräusche und Klangkompositionen eingebaut und waren gerade über die Verbindung gruftiger Pop-Songs mit merkwürdigem Sound sehr zufrieden gewesen. Diejenigen aber, die unsere Stücke gehört haben, fanden sie entweder gut wegen der Melodien etc. oder schlecht, wegen der merkwürdigen Sounds, die sich für Grufti-Musik nicht gehörten. Das nervte uns natürlich ziemlich an, die blöden Spießer mit ihrem Einheitsbrei, bei dem es eigentlich genau in der gleichen Weise um Pop ging wie in den Charts, nur halt etwas versteckter. Dagegen mussten wir angehen, und groß in abstrakter Negation wie wir damals waren, musste das heißen: Melodien raus, Sounds härter, böser und lauter.

Zum Glück war unser Gefühl für Musik vielleicht damals manchmal nicht ganz so abstrakt verbohrt wie wir, weshalb die Pseudohärte in Reinform, die wir wollten, eigentlich nie passiert ist. Die besseren Stücke von Crematron sind vielleicht gerade durch den Versuch, die Stücke nicht mehr durch die Melodien zu dominieren, ein bisschen subtiler geworden, und dadurch spannender und langfristiger als unsere älteren Ohrwurmversuche.

Deshalb vielleicht gleich zu dem meiner Meinung nach besten Stück von Crematron, zu Elemental Storm [mp3], das in gewisser Weise schon den Übergang zu Keimbefall darstellt. Unser Sänger war nicht dabei, die Musik ist nur von Stefan und mir und der Gesang kommt (ähäm!) ebenfalls von mir. Dieses Stück mag vielleicht verdeutlichen, was ich meine. Es gibt keine einzige Melodie, bis auf vielleicht das "DuuDuut" des Basses. Und trotzdem ist das Stück nicht nur hart oder kalt, sondern irgendwie sentimental. Was dieses Stück noch so alles bedeutet hat und noch bedeutet, ist dann unter [keimbefall] nachzulesen.

Interessant mag sein, dass es uns häufig nicht wirklich gelungen ist, Stimmung ohne Melodie darzustellen. Besonders ich, glaube ich, hing (und hänge immer noch) daran, dass unsere Musik auch irgenwie fürs Herz ist, aber eben ohne kitschig zu sein. Wie schwierig das war, sieht man zum Beispiel an Mind Trap [mp3], das mit aller Kraft versucht, kalte Oberflächen ala The Klinik zu bewahren, aber immer mehr ins traurig-warme abgleitet. Das Stück habe ich irgendwann einmal alleine gemacht, weil ich irgendwie meine neu gewonnenen Interessen an Techno mit unserer Musik vermitteln wollte -- in diesem Fall wohl am ehesten am Ambient, wovon man wahrscheinlich trotzdem nichts hört, wenn mans nicht weiß. Ich glaube, ich wollte damals mit diesem Stück irgendwie meinen Mitmusikern zeigen, dass eine Verbindung von Ravegefühl und industrieller Kälte möglich ist. Komisch.

Diese Techno-Sache war zu der Zeit nämlich wirklich sehr wichtig. Ich wäre damals beinahe aus der Band ausgestiegen, weil ich mich zu viel auf Raves herum trieb und Glücksgefühle irgendwie viel besser fand als gruftige Düsterniss. Gleichzeitig wollte ich aber eben auch immer noch kältere und weniger eingängige Musik machen. Ein Widerspruch, mit dem ich damals gar nicht umgehen konnte. Als Resultat des ganzen Techno-Problems haben wir dann irgendwann Paradies [mp3] gemacht, das dann sehr offensichtlich Rave kommentiert.

Von Crematron gab es niemals offizielle Veröffentlichungen. Wer noch mehr von Crematron erfahren will, sollte einmal Crematron bei mp3.com [ext] anschauen, wo demnächst wohl auch mehr Stücke von uns zu finden sein werden als hier. Außerdem gibt es Crematron bei last.fm [ext] und Crematron bei myspace [ext], wo man entgegen unserer sonstigen Haltung zu Menschen, die wir nicht kennen, sogar unser Freund werden kann.

Creative Commons License Valid XHTML 1.0 Strict Valid CSS! [ext]